Rezension von Jürgen Wolter, Zur Wabe 1, 38126 Braunschweig , Tel.: 0531-682616

 

 

Ulrike Voltmer: „Wie frei ist der Mensch? - Über Möglichkeiten und Grenzen der Astrologie“

 

Urachhaus-Verlag

176 Seiten, kart.

DM  28.-; öS  204.-; sFr 28.-

ISBN  3-8251-7256-2 

 

 

Immer mehr Menschen suchen in der Astrologie Orientierungshilfen und haben doch zugleich Zweifel an ihrer Berechtigung. Ulrike Voltmer hinterfragt nicht nur die Verwendung der Astrologie und weist deren klare Grenzen auf. Der Leser findet vielschichtig fundierte Aussagen dazu, wie die Astrologie helfen kann, in freier Weise mit seinen aus der Vergangenheit mitgebrachten Prägungen umzugehen. Er findet auch dezidiert beschrieben, begründet und aufgelistet, „was nicht im Horoskop steht“ (S.29). Dazu gilt auch: Man kann astrologisch erkennen, in welcher Weise ein Mensch in ein Verhältnis zu seiner Umwelt tritt, nicht aber, wie diese konkret aussieht. Das wird verdeutlicht am Beispiel von Vierlingen, indem Ähnlichkeiten und Unterschiede ihrer späteren Entwicklung verglichen werden mit den vorherrschenden Erlebnisqualitäten der planetaren Betonungen in ihrem Kosmogramm.

   Die Symbolsprache der Astrologie ist eng verknüpft mit den Bildern und Erlebnisweisen der griechischen Mythologie - einer der Wurzeln der abendländischen Kultur. In diese Symbolsprache ist dadurch das in unsere Kultur eingeschlossene Bild der Welt und deren Interpretation verwoben. Die „Sprache“ der Astrologie ist daher auch Spiegelbild für das in dieser Kultur verkörperte Menschenverständnis, ihre Psychologie oder ihr Menschenbild, das die in dieser Kultur Aufwachsenden prägt.

  Wie nun in einem Menschen durch seine Affinität zu seiner Kultur bestimmte Interessen geweckt werden, so werden auch entsprechende Affinitäten sichtbar durch sein kosmisches Geburtsbild. Wer sich  vom Gesichtspunkt der Freiheit her aus eigener Einsicht selbst bestimmen will, wird daher auch seine Einbindung in kulturelle Verhaltensmuster überprüfen wollen.

  Die Autorin stellt fest: „Daß wir die in uns liegenden, eigenen menschlichen Bedürfnisse, Willensantriebe und inneren Impulse kennen lernen, prüfen und selbst bewußt lenken wollen, das ist ein Wille besonderer Art, der zur Selbsterkenntnis drängt, zum Ergründen, welche unbewußten Motivationen uns eigentlich steuern.“  Und sie fragt: „Was macht Freiheit an ihnen aus? Wo sind wir in ihnen gefangen?“ Das ist Ausgangspunkt der weiteren Überlegungen; denn: Vitale Bedürfnisse garantieren unsere Lebensfähigkeit, Motivationen steuern schon im Kindesalter unsere Lernbereitschaft. Die Autorin weist Wege auf, wie wir dieses „Lebensimpulsierende“ in seiner individuellen Ausprägung mit Hilfe der Astrologie dem Erkennen näher bringen können, um „die Bandbreite unserer Lebensimpulse zu ergründen und die Spielräume unserer Wirkensmöglichkeiten zu entdecken“.

  Mit ihrer gestalt- und gebärdenbeschreibenden Betrachtungsweise geht die Autorin über gängige Deutungsmuster hinaus. Aus ihrem anthroposophischen Hintergrund bezieht sie auch Schöpfungszusammenhänge von Mensch und Welt mit ein und erörtert die vorgeburtliche Vorbereitung der Inkarnation des Menschen. Was haben die Bewegungsgebärden und die Rhythmen der Wandelsterne zu tun mit dem, worauf sie offensichtlich hinweisen? Um das zu erkennen, müssen wir neben den Zusammenhängen des Kosmos auch den Organismus Mensch verstehen lernen - in den Wechselwirkungen seiner leiblichen, seelischen und geistigen Prozesse und deren Wandlungen in den Phasen und Rhythmen der biografischen Entwicklung.

  Eine materialistische Vorstellungsweise von Mensch und Welt gelangt da sehr bald an ihre Grenzen. Hier liegt für die Autorin der Ansatz für ihre geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise. Sie beschreibt, wie „Anthroposophie eine Methode des Hinterfragens vermittelt, die von vornherein die ständige Entwicklung von Erkenntniskräften mit einschließt, - um den Zusammenhang von Mensch und Kosmos wirklich zu erfahren, - um unsere ureigensten Anliegen aufspüren zu lernen und sie frei zu gestalten im Sinne einer Philosophie der Freiheit.“

  Der Leser findet eine detaillierte Beschreibung und Zusammenschau der Phänomene. Die Autorin macht deutlich: So wie das, was das Kind als Naturhaftes in sich trägt, der Begegnung mit dem erwachsenen Menschen, mit der Sprache und der Kultur bedarf, damit das Kind zum gesunden Menschen heranwachsen kann, so muß das, was sich im Menschen finden läßt als eine Entsprechung zu charakteristischen Bewegungsverhältnissen der Sterne, vom Ich willentlich ergriffen, gewandelt und zu eigen gemacht werden, damit es im erwachsenen Menschen kein krankmachendes Eigenleben führt.

  Aus den langjährigen Erfahrungen ihrer Beratungstätigkeit versteht die Autorin das Geburtshoroskop als eine Motivationsanlage mit darin erkennbaren Entwicklungsrhythmen, die zeitlich in Erscheinung treten. Sie fand Möglichkeiten darin, unter dem Bewußtsein liegende, mitgebrachte tiefere Lebensanliegen zu erkennen. Sie betont: Wie wir diese Anlagen und diese Anliegen von uns aus ergreifen,  wie wir damit umgehen, was wir zu  unseren Erdenaufgaben machen, das liegt in unserer Freiheit genauso wie unsere zukunftgerichteten Initiativen. - An den verschiedenen Lebensabschnitten unserer Biographie können wir ablesen, wie wir uns in den Zeiten der Lebensumbrüche auf entsprechende kosmische Rhythmen eingestellt haben. Indem wir solche Umbrüche als subjektive Gewißheit erleben, stoßen wir damit zugleich auf die kosmische „Wirk-lichkeit“ menschenkundlicher Aussagen aus anthroposophischer Sicht. Indem wir unser Verbundensein mit dem Kosmos als in uns wirklich empfinden, kann uns gegenüber dieser Welt Dankbarkeit und Ehrfurcht wachsen.

  Die Autorin studierte Musik und Gesang, Musikwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Vier Mal war sie 1.Preisträgerin bei „Jugend musiziert“. Zur Zeit arbeitet sie an einer Dissertation über  „Semiotische Musikanalyse“. Sie war 1989-91 Vorstandssprecherin der Grünen im Saarland und 1991-95  1.Vorsitzende des Deutschen Astrologenverbandes (DAV), 1995 Leiterin der DAV-Sektion „Medizin und Astrologie“. Seit 1980 beschäftigt sie sich mit dem Werk Rudolf Steiners, dessen Gedankengänge zunehmend Eingang in ihre künstlerische, politische wie auch astrologische Arbeit finden. Wer den schriftstellerischen Werdegang von Ulrike Voltmer überblickt - ausgehend von ihrem Buch „Gestaltastrologie - Die 12 Tierkreisprinzipien in der Natur“ (1989), über „Lebendige Astrologie - Raum und Umwelt in den 12 Horoskopfeldern“ (1990) und den Film „Bildhafte Astrologie“ bis zu „Rhythmische Astrologie“ (1998), die Mitherausgabe von „Medizin und Astrologie“(1999) und ihrem neuesten Buch „Wie frei ist der Mensch?“, kann ihren Weg auch in die Frage fassen: Wie kommt man von der Astrologie zur Anthroposophie?

  Als Antwort findet er: Durch künstlerisches Gespür, absolut offenes Interesse, stetes Hinterfragen und energisch klare Gedankenführung. Ihr letztes Buch ist auch ein Bericht darüber, wie Anthroposophie Antwort zu geben vermag auf Fragen zum Zusammenhang von Mensch und Welt, die der heute gängigen Betrachtungsweise verborgen bleiben. In Rudolf Steiners Werk fand sie „eine einzigartige Quelle geeigneter philosophischer Anregungen für die Astrologie - eine Sichtweise, die sich durchaus mit den Erfahrungen deckt, die wir alle mit der Astrologie machen können -  und die Beschäftigung mit der Astrologie stellt auch eine große Chance für den anthroposophischen Erkenntnisweg dar.“